
(Foto: Leuphana Universität Lüneburg)
„Soziale Inklusion muss aktiv gestaltet werden“
Am 11. März 2026 gab Prof. Dr. Oliver Genschow von der Leuphana Universität Lüneburg spannende Einblicke in ein Projekt, das soziale Verantwortung und wirtschaftlichen Erfolg vereint: ‚SinTra – Sozial-innovative Transformation durch inklusive Arbeitswelten‘.
Laut der Bundesagentur für Arbeit sind in Niedersachsen rund 270.000 Menschen arbeitslos oder arbeitssuchend gemeldet. Über 40 % dieser potenziellen Arbeitskräfte weisen diverse Vermittlungshemmnisse auf. Das ist kein Randphänomen, sondern eine riesige, bislang ungenutzte Ressource – gerade vor dem Hintergrund des beklagten Fachkräftemangels und dessen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt von morgen.
Angesichts dieses Dilemmas erprobte das Projekt ‚SinTra – Sozial-innovative Transformation durch inklusive Arbeitswelten‘, wie Menschen mit multiplen Vermittlungshemmnissen erfolgreich in den Arbeitsmarkt integriert werden können, um dem Fachkräftemangel aktiv entgegenzuwirken.
Das Projekt
Das Verbundprojekt der Leuphana Universität Lüneburg und der HEYHO GmbH verfolgt ein klares Ziel: die nachhaltige Integration von Menschen mit Vermittlungshemmnissen (MmVH). Dazu zählen beispielsweise Personen mit Suchtbiografien, seelischen Erkrankungen oder einer Haftvergangenheit. Das Besondere an SinTra ist sein inter- und transdisziplinärer Kern. Hier fließen Erkenntnisse aus der Psychologie, der Betriebswirtschaftslehre und den Nachhaltigkeitswissenschaften zusammen. In seiner Präsentation verdeutlichte Prof. Dr. Genschow, dass Inklusion weit mehr als ein reines Wohlfahrtsthema ist: Sie ist eine komplexe Managementaufgabe, die tief in die Unternehmenskultur eingreift. Um dieser Komplexität gerecht zu werden, setzt das Projekt auf einen ganzheitlichen, innovativen Forschungsansatz statt auf geradlinige Standardlösungen. Dabei wird die Perspektive der Wirtschaft direkt einbezogen: Der regelmäßige Austausch mit Unternehmer:innen stellt sicher, dass der Wissenstransfer aus der Forschung direkt in die Praxis fließt und dort nutzbar gemacht wird.
Vom Vorurteil zur Chance
Ein Kernstück der Projektvorstellung war die Präsentation einer Studie mit über 320 Teilnehmenden aus mehr als 240 deutschen Unternehmen. Die Untersuchung ging drei zentralen Fragen auf den Grund:
- Welche Sorgen bestehen vor der Einstellung von Menschen mit Vermittlungshemmnissen?
- Welche dieser Befürchtungen bewahrheiten sich in der Praxis und welche erweisen sich als unbegründet?
- Welche konkreten Vorteile bringt die Einstellung dieser Zielgruppe für das Unternehmen?
Die wissenschaftlichen Umfragen lieferten Ergebnisse, die ebenso entlarvend wie ermutigend sind: Antizipierte Sorgen sind oft völlig unbegründet. Viele Arbeitgeber zögern zunächst aufgrund von Befürchtungen bezüglich Minderleistung, Unzuverlässigkeit oder potenziellen Konflikten im Team. Die Auswertung der Projektdaten zeigt jedoch ein klares Bild: In der Praxis bestätigen sich diese Ängste meist nicht. Stattdessen überwiegen oft die positiven Effekte für die Unternehmenskultur und die personelle Stabilität.
Oft herrscht bei Unternehmen die Sorge, dass eine offene Kommunikation über Inklusion Kunden abschrecken könnte. Die Projekterfahrungen von „SinTra“ zeigen jedoch das genaue Gegenteil: Soziale Inklusion steigert die Attraktivität eines Unternehmens. Denn anstatt Vorbehalte zu schüren, wirkt das soziale Engagement als echter Magnet. Kunden entscheiden sich immer häufiger bewusst für Produkte, bei denen sie einen gesellschaftlichen Mehrwert erkennen. Inklusion wird so zum wertvollen Alleinstellungsmerkmal, das die Markenbindung stärkt und neue Zielgruppen erschließt.
Inklusion ist kein Selbstläufer
Prof. Dr. Genschow betonte in seinem Vortrag deutlich: Inklusion passiert nicht „einfach so“, sie muss aktiv gestaltet werden. Es bedarf einer „zeit- und mitarbeitergemäßen Anpassung der Rahmenbedingungen“, damit sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer gleichermaßen profitieren. Zu diesen Methoden zählen, unter Anderem;
- Flexible Arbeitszeitmodelle: Starre 9-to-5-Strukturen sind oft die erste Hürde. Individuelle Teilzeitlösungen und flexible Modelle schaffen hier den nötigen Freiraum.
- JobCrafting: Statt Menschen in starre Stellenbeschreibungen zu pressen, werden Aufgabenbereiche aktiv an die individuellen Stärken und Bedürfnisse der Mitarbeitenden angepasst.
Vom Wissen zum Handeln
Zum Abschluss gab Prof. Dr. Genschow einen Ausblick auf eines der wichtigsten Projektergebnisse: ein universell anwendbarer Werkzeugkoffer entstanden ist. Diese Toolbox bietet Unternehmen wissenschaftlich fundierte und praktisch erprobte Instrumente:
- Analyse: Um Handlungsfelder innerhalb der eigenen Organisation zu identifizieren.
- Weiterentwicklung: Um Strukturen, Prozesse und die Unternehmenskultur gezielt zu verbessern.
- Praxisbezug: Untermauert mit konkreten Anwendungsbeispielen für den direkten Transfer.
Ausblick
Das Projekt ‚SinTra‘ zieht eine erfolgreiche Bilanz: Die Ergebnisse verdeutlichen, dass inklusive Arbeitswelten weit mehr als eine rein soziale Geste sind. Sie stellen eine sozial-innovative Notwendigkeit dar, die die organisationale Resilienz stärkt und maßgeblich zur Zukunftsfähigkeit sowie zum wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen beiträgt
Ein großer Dank gilt Prof. Dr. Oliver Genschow und dem gesamten Team für diese wegweisenden Impulse!
Kristina Andabak
Medien
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